Projekttag 2008 - Korczak, Ghetto, Treblinka.




Gottesdienst mit der Realschule

anlässlich des Holocaust-Gedenktages

Thema: Janusz Korczak – Leidenschaft für das Leben

28.01. 2008

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer,

das Erinnern und Gedenken macht heute betroffen. Der Holocaust-Gedenktag, die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz gestern vor 63 Jahren ist der Anlass dafür, dass wir uns heute noch einmal das Grauen und maßlose Entsetzen vor Augen führen, für das der Name Auschwitz auch stellvertretend steht.

Und besonders betroffen sind wir oft gerade dann, wenn das Grauen Kinder trifft. So steht es auch in der Einladung eurer SV zu diesem Tag. Kinder in ihrer Hilflosigkeit; Kinder, die doch der Hilfe und der Liebe und der Zuwendung, des Schutzes bedürfen und nicht der Gewalt und dem Hass ausgesetzt werden dürfen.

Doch Betroffenheit kann auch zur Lähmung führen. Dann lässt das Entsetzen einen erstarren, ohne dass ich selbst aktiv werde. Gebannt vom Grauen verharre ich in Passivität.



Ihr wollt euch heute an diesem Tag mit einem Mann beschäftigen, der sich dem Grauen entgegen gestellt hat: Janus Korczak. Und so steht seine Person auch im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes.

Eines Menschen im Gottesdienst zu gedenken bedeutet aber, Gott zu danken für das, was uns mit diesem Menschen geschenkt worden ist, und mich von seinem lebenslangen Anliegen zurückführen zu lassen ins Zeugnis der Bibel. Nicht, um ihn – den Juden - christlich zu vereinnahmen, sondern um uns aufmerksam werden zu lassen auf eine bestimmte Kontur des Evangeliums.

Korczaks ganze Leidenschaft und Hingabe galt den Kindern. Und deshalb beginne ich mit etwas Elementaren: Jedes Kind hat um Gottes willen ein Recht auf Gottes Schutz.

Einmal stellt Jesus ein Kind vor seine Jünger uns sagt: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ (Mk 9,36f) Kann man es eigentlich noch deutlicher sagen? Das heißt ja umgekehrt: In jedem unbehüteten, geschundenen, verletzten Kind wird Gott selbst verletzt.

Ja, man kann es tatsächlich noch deutlicher sagen: Im Matthäusevangelium warnt Jesus besonders scharf: „Wer Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, dem wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“ (Mt 18,6)

Solche Sätze müssten eigentlich alle, die Menschen damals wie uns Heutige in eine heilsame Unruhe versetzen. Wir verpassen Gott und verpfuschen unser Leben, wenn wir das Leben auch nur eines Kindes behindern.

Aber, so höre ich dann die Leute, Erwachsene wie Jugendliche sagen: Was sollen wir denn machen. Das Elend und das Leid auf der Welt ist doch viel zu groß. Auch und gerade das der Kinder. Und es stimmt ja. Man muss sich nur einmal vorstellen – und dagegen ist eure Schule, so lästig die manchmal auch sein kann, das reinste Paradies -: die Mehrzahl aller heute auf der Welt lebenden Kinder muss arbeiten: als Bettler und unbezahlte Hilfskräfte, in Fabriken und auf Märkten, in Bergwerken und Bordellen – ausgebeutet und um ihre Kindheit betrogen. Doch auch eine solche Nachricht kann erschlagend wirke, lähmen und drohen, uns abstumpfen zu lassen.



Aber gerade angesichts solches Widerstandes in uns hilft mir das Lebenszeugnis Janusz Korczaks. Er würde sagen: Entscheide dich für das, was du tun kannst, und dann tu’s! So hat er es uns vorgelebt: Er, der renommierte Kinderarzt, lässt sich von der Not der Kinder anrühren und zieht die Konsequenz. Er bricht seine hoffnungsvolle Medizinerkarriere ab, um Leiter eines Waisenhauses zu werden.

Das grundsätzliche Problem elternloser Kinder und erst recht das Elend der jüdischen Kinder unter der Naziherrschaft ist damit nicht beseitigt. Aber Korczak tut, was er tun kann. Zwar behält er weiter die Strukturen im Blick – er arbeitet auch als Pädagoge und Schriftsteller – aber er denkt nicht daran, die Wichtigkeit dieser Arbeit gegen das Schutzbedürfnis der ihm Anvertrauten aufzuwiegen. Und so bleibt er bei den Kindern, als das Waisenhaus in das unerträgliche und elende Ghetto verlegt wird. Er hätte sich zurückhalten können. Hätte sich sagen können: Das ist doch alles nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber er gibt eben jenen Tropfen, den er mit seinem Lebenswerk geben kann.

Als der Abtransport seiner Kinder in die Gaskammern bevorsteht, da legen ihm Freunde nahe zu fliehen. „Du wirst noch gebraucht“ mögen sie gesagt haben. Und „Was hilft es denn, einen Weg mitzugehen, von dem es kein Zurück gibt?“ Aber er, der hätte gehen können, gibt sein Leben, um die ihm anvertrauen Kinder bis ans Ende, buchstäblich bis zum letzten Atemzug zu trösten.



Solche fast übermenschliche Taten werden von uns ja gar nicht verlangt. Aber wir können uns davon aufmerksam machen lassen, dass wir erkennen, wie wir denen, die Jesus uns ans Herz legt: die Kinder, die Schwachen, die Kleinen helfen können. Und das dann auch tun!



Und ein zweites hat Korczak gelehrt: Jeder Mensch, eben auch das Kind hat ein unbedingtes Recht auf Achtung. „Das Recht des Kindes auf Achtung“ das war der Titel einer grundlegenden Schrift Korczaks; und im Wort „Achtung“ bündelt sich sein ganzes – ich glaube, nicht nur damals – revolutionäres Erziehungsprogramm. Revolutionär deshalb, weil hier unser übliches Denken vom Vorrang des Großen vor dem Kleinen, des Starken vor dem Schwachen radikal gesprengt wird.

Ich will jetzt hier nicht Korczaks Programm und Pädagogik vorstellen. Aber ich will euch noch von etwas erzählen, was mich seit einiger Zeit ziemlich beschäftigt. Vor ein paar Wochen habe ich in meiner Konfirmandengruppe die zehn Gebote besprochen. Und in diesem Zusammenhang kamen wir auf das Thema Gewalt, auch Gewalt auf Schulhöfen zu sprechen. Und da erzählten die Jugendlichen, von denen etliche auf eure Schule – zumeist in die 8. Klasse - gehen, wie beinahe alltäglich und geradezu selbstverständlich Schlägereien sind bis dahin, dass auch noch zugetreten wird, wenn jemand am Boden liegt. – Dieses Gespräch fand übrigens vor dem Vorfall in der Münchener U-Bahn statt, dass dann etliche Wochen die Schlagzeilen beherrscht hat. - Und auf meine Nachfrage, wie es denn zu solcher Gewalt kommen könne, was die Ursache sei, kam sofort die Antwort: die Opfer sind doch selber schuld. Vielleicht haben sie sich arrogant verhalten, vielleicht was Blödes gesagt. Es gab keine Bereitschaft, sich mit den Geschlagenen zu solidarisieren oder auch nur ein Empfinden für die Opfer zu entwickeln.

Das ist vielleicht – hoffentlich - nur eine Momentaufnahme. Trotzdem erschreckt mich das. Wenn ihr etwas mitnehmen wollt von diesem Tag, von dem Erinnern an Janusz Korczak, von eurer Auseinandersetzung mit dem Unrecht und dem Grauen, das Menschen Menschen angetan haben, dann vielleicht dies: die Achtung vor jedem Menschen zu bewahren. Und dass deshalb gerade die Kleinen, die Schwachen, die Verachteten und gerade die Außenseiter, ja sogar die mir Unsympathischen zu schützen sind.

Dann würde die Beschäftigung mit Janusz Korczak uns auch noch einmal zurück zur Botschaft des Evangeliums führen. Denn auch Jesus stellt den gängigen Maßstab, nach dem das Große und Starke Vorrang vor dem Kleinen und Schwachen habe, radikal in Frage. Alle Evangelien erzählen davon, dass Jesu Jünger sich darüber streiten, wer unter ihnen der Größte sei (Mt 18,1f par). Ein Streit, der bis heute nicht wirklich zur Ruhe gekommen ist. Und wie reagiert Jesus: Er ruft ein Kind herbei, stellt es mitten unter die Jünger und sagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer aber- sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte.“ Amen


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